Buchrezension „Ein ganzes halbes Jahr“ oder warum Liebe manchmal über den Tod hinaus geht


Bitte haltet eure Taschentücher bereit!


Als ich das Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ (englischer Originaltitel: „Me before you“) von Jojo Moyes das erste Mal in den Händen hielt, habe ich mich tierisch auf jede einzelne Seite gefreut. Vor ein paar Monaten hatte ich nämlich schon einen ihrer Romane gelesen. „Eine Handvoll Worte“ hat mich auf so vielen Ebenen berührt, dass ich alsbald für jedes Kapitel eine Packung Taschentücher neben mir liegen hatte und diese meistens auch für diverse Tränchen verbraucht habe. Es ist nicht nur ihr einzigartiger Schreibstil, der mich auf so besondere Art und Weise angesprochen hat, sondern auch ihr Talent das Erzählte so lebendig darzustellen, dass man einfach in jeder Zeile mit den Protagonisten mitleiden MUSS.


Lou& Will


Louisa Clark lebt in sehr ‚einfachen‘ Verhältnissen und war bisher mit ihrem Leben ganz zufrieden. Sie arbeitet in einem kleinen Café, unterstützt ihre Familie mit ihrem dort verdienten Lohn und ist seit 7 Jahren – eher aus Routine als aus Liebe – mit ihrem Freund Patrick zusammen. Schließlich verliert Louisa ihren Arbeitsplatz als das kleine Café schließen muss. Für die Bewohner der englischen Kleinstadt ist Lou’s Kleidungsstil zu exzentrisch, weshalb es erst mal nicht so Recht mit einem neuen Job klappen will. 

Als sich ihr aber eine Möglichkeit offenbart über einen kurzen Zeitraum von 6 Monaten genug Geld zu verdienen, um ihre Familie wieder zu unterstützen, willigt sie schließlich ein und übernimmt die Pflege des 35-jährigen Will Traynor. Nach einem Unfall vor 2 Jahren ist er zum Tetraplegiker geworden und hat jeglichen Lebensmut verloren. Leider erfährt Louisa erst im Laufe ihrer Tätigkeit, warum sie lediglich für 6 Monate eingestellt wurde, denn diesen Zeitraum hat Will mit seiner Mutter ausgehandelt bevor er in die Schweiz reisen will, um sein Leben dort zu beenden. 


Ein überraschendes Leseerlebnis


„Ein ganzes halbes Jahr“ ist Jojo Moyes Erstlingswerk und hat mich nicht von Anfang an in den Bann gezogen, was aber lediglich daran lag, dass ich „Eine Handvoll Worte“ zuerst gelesen habe. Mein Problem war, dass „Ein ganzes halbes Jahr“ aus Louisa’s Perspektive erzählt wird und ich zunächst Schwierigkeiten hatte mich in sie hinein zu versetzen, weil ich – sowie viele andere Leser sicherlich auch – ein ganz anderer Typ Mensch bin. „Eine Handvoll Worte“ wird von einem allwissenden Erzähler dominiert und man hat jederzeit Einsicht in die Gefühlslage aller Protagonisten. Als ich mich jedoch damit abgefunden hatte, dass „Ein ganzes halbes Jahr“ eben ‚anders‘ ist, muss ich rückblickend festhalten, dass es eines der schönsten Bücher ist, die ich je in meinem Leben gelesen habe. Auch wenn ich mit Lou anfänglich meine Schwierigkeiten hatte, muss ich letztlich festhalten, dass ich mich irgendwann wie eine gute Freundin von ihr gefühlt habe, die ihren persönlichen Wandel und ihre emotionale Entwicklung sehr gut nachempfinden konnte. Will war mir sofort sympathisch und auch wenn ich vermutlich genau wie Lou bis zum Ende gehofft habe, dass er seine Meinung ändert, verstehe ich, dass er dieses Leben nicht mehr ertragen konnte. Lou’s Familie – Mama, Papa, Opa, Schwester und Neffe – ist trotz ‚ärmlichen‘ bzw. simplen Verhältnissen, oder vielleicht gerade deswegen, so herzlich, warm und bildet in sich eine geschlossene Einheit, dass schnell deutlich wird, warum Lou so viel daran liegt die Familie weiterhin finanziell unterstützen zu können. Will’s Angehörige – Mama, Papa und Schwester – waren sofort mit einer festen bildhaften Vorstellung von Schmerz, Verzweiflung und Angst in meinem Verstand während des Lesens verbunden. Besonders seine Mutter wirkt so zerbrechlich und so hoffnungslos, dass ihre anfänglich arrogante Art gegenüber Lou schnell verziehen ist.


Keine „gewöhnliche“ Liebesgeschichte


Nein, das ist „Ein ganzes halbes Jahr“ nun wirklich nicht. Erzählt wird die Geschichte von Lou und Will in einer Zeitspanne von 6 Monaten (eben innerhalb eines ganzen halben Jahres). Den Mittelpunkt des Romans bildet natürlich die einzigartige Beziehung der Zwei. Zunächst sind sie sich fremd, stammen sie doch aus so unterschiedlichen Welten, das selbst eine Freundschaft undenkbar erscheint. Will, einmal der erfolgreiche, gutaussehende Geschäftsmann, der jetzt an den Rollstuhl gefesselt, abhängig von schmerzlindernden und lebenserhaltenden Medikamenten und auf  fremde Hilfe angewiesen ist, hat den Lebensmut vollständig verloren. Louisa hingegen arbeitet, um ihre Familie mit ihrem Lohn zu unterstützen; steckt in einer festgefahrenen Beziehung mit einem Mann fest, den sie nicht liebt und hat weder die Möglichkeit noch die Motivation etwas an ihrer Situation zu ändern. Es treffen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch finden sie mehr und mehr zueinander. Während Will beginnt Lou ganz neue Perspektiven mit Hilfe von Literatur, Filmen und Gesprächen zu eröffnen, versucht sie den Mann, der so viel mehr zu sein scheint als seine bärtige, grummelige Fassade ausstrahlt, von einem lohnenswerten Leben auch im Rollstuhl zu überzeugen. Es entwickelt sich schnell eine tiefe Freundschaft, die sich später in Liebe verwandelt.


Ein ganz besonderes Thema


Das Thema „Tetraplegie“ war für mich ganz neues Terrain. Bisher hatte ich noch kein Buch gelesen, das sich mit einem so sensiblen Thema auseinandersetzt. Aber Jojo Moyes hat nicht nur unglaubliches Feingefühl bewiesen, sondern auch gezeigt, dass diese schwere Form der Querschnittslähmung nicht unter den sagenumwobenen ‚Autorentisch‘ gekehrt werden sollte. Ein offener Umgang ermöglicht es vor allem den Lesern einen Blick in diese Welt zu werfen und sich mit dem Thema zu beschäftigen – jeder natürlich in dem Umfang, den er für angemessen hält. Für mich bedeutete das vor allem zu erfahren mit welchen Problemen Menschen mit dieser Behinderung zu kämpfen haben. Von neugierigen Blicken über Schwierigkeiten im Alltag bis hin zu der persönlichen Verzweiflung, die alles so viel schwerer gestaltet. Jojo Moyes schafft es auf eine ganz beeindruckende Weise beide Seiten mit sehr viel Fingerspitzengefühl zu beleuchten. Zum Einen beschreibt sie Will’s emotionalen und körperlichen Leidensweg so klar, dass der Leser nicht (!) im Mitleid versinkt, sondern viel mehr Respekt und Verständnis für Will’s Situation erzeugt. Zum Anderen erklärt sie behutsam, wie hilflos sich seine Familie und Freunde auf der einen Seite und wie überfordert sich sein Pflegepersonal auf der anderen Seite zuweilen fühlen.


Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende (Achtung: SPOILER!)


Für alle Happy End- Fans ist das Buch nicht geeignet, denn es gibt keines. Lou schafft es nicht Will davon zu überzeugen, dass ein Leben mit seiner Behinderung und vor allem mit ihr an seiner Seite möglich ist. Zunächst ist sie völlig erschlagen von der Gewissheit, dass Will seinen Plan trotz ihrer ganzen Bemühungen in die Tat umsetzen wird und interpretiert seinen Wunsch zu sterben als Ablehnung ihr gegenüber. Allerdings steckt hinter seinem Vorhaben weit mehr als die bloße Endgültigkeit des Todes. Will möchte Lou nicht an ein Leben fesseln, dass sie in vielerlei Hinsicht einschränken wird – er sieht sich selbst als große Belastung  für ein gemeinsames Leben mit ihr. Hinter Louisa’s verrückter und zum Teil auch verschwiegener Fassade steckt ein Mensch, der so viel mehr verdient als ein Leben in einer verschlafener Kleinstadt mit einem eintönigen Beziehungs- und Arbeitsleben. Will sorgt dafür, dass Lou erkennt, welche Talente in ihr schlummern und kümmert sich darum, dass sie diese – auch nach seinem Ableben – nutzt. Ein wunderschöner Brief von Will mit Instruktionen, die Lou befolgen soll, erwartet den Leser am Ende des Buches. Wenn der Weinkrampf während seines Todes noch nicht den Höhepunkt der Gefühle getroffen hat, so wird es dieser Brief tun. Während Lou den Brief liest, sitzt sie in einem Straßencafé in Paris, darüber hatten sich die Zwei immer wieder unterhalten, weil Will ein großer Fan der Stadt der Liebe war und nur zu gern mit Lou dorthin gereist wäre.


Ein (trauriges) Fazit


Um „Ein ganzes halbes Jahr“ zusammenzufassen, genügen zwei Worte: TRAURIG SCHÖN. Ob Fiktion oder nicht – Lou’s und Will’s Geschichte hat mich so tief berührt, dass ich selbst angefangen habe über viele Dinge im Leben anders zu denken. Wir haben nur diese eine Chance auf ein erfülltes Leben und sollten sie nutzen daraus etwas ganz Besonderes zu machen – genau das ist wohl die Hauptaussage des Romans. Ein Atemzug kann bereits alles verändern und vor allem kann kein Geld der Welt uns vor tragischen Ereignissen schützen. Wenn ihr den Roman noch nicht kennt, dann kann ich nur sagen: trotz Tränen, lohnt es sich. Sehr sogar…auch wenn ein Teil eures Gehalts in der Zeit mit Sicherheit für Taschentücher drauf gehen wird ;) 

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