Irland – mein Herz geht auf, wenn ich dich seh‘ oder auch: „Frieden, Freiheit, Freude – so nah war ich euch noch nie.“ 

 

Wart ihr schon mal so richtig verliebt?

 

Ich meine nicht in eine Frau oder einen Mann, sondern in einen Ort, in einen Song oder in ein Lieblingsgericht? Mit rosa Herzchen in den Augen und vorfreudiger Schmetterlingshorde im Bauch? Genauso erging es mir letztes Jahr um genau diese Zeit im März. Damals bin ich mit meinem Bruder nach Irland geflogen. 3 Tage Dublin, 7 Tage Galway. Als der Reisetermin (endlich!) feststand, konnte ich es kaum erwarten aufzubrechen. Schon lange hatte mich das Land der grünen Wiesen und Tälern, der beeindrucken Naturlandschaften und kulturellen Schätze fasziniert.

 

 

Aber hinter unserer Reise steckte damals für mich noch eine ganz andere Intention

 

Oftmals ist es im Leben ja so, dass sich schwierige Zeiten genau dann anbahnen, wenn man sie so herzlich wenig gebrauchen kann. Auch bei mir war das letztes Jahr der Fall. Ich brauchte eine kleine Auszeit vom Alltag, von der Arbeit, von meinem Umfeld, quasi von allem, was mich daran erinnerte, wer ich zu diesem Zeitpunkt war. Irland ist ja bekanntlich nicht nur die Geburtsstätte von – wirklich – unglaublich, gutem Whiskey und köstlichem Bier, sondern auch großer Schriftsteller. Oscar Wilde, James Joyce, Elizabeth Bowen oder auch Bram Stoker haben nicht nur ihre irischen Seelen in wunderbare, fein gezeichnete Geschichten, Märchen und Mythen ("Dracula", "Das Bildnis des Dorian Gray") einfließen lassen, sondern auch die Weltliteratur bis heute maßgeblich geprägt.

 


Unterm Strich war ich also auf der Suche nach meinem inneren Schreiberling

 

Irland als Stätte großer Dichter, Denker und Schriftsteller stellte für mich also eine wunderbare Möglichkeit dar zu meiner Kreativität zurück zu finden. Lange musste ich gar nicht warten, denn Irland ist – in einem Wort -  umwerfend. Dublin’s Charme, als Hauptstadt im Wandel zwischen Moderne und Andenken aus einer längst vergangenen Zeit, war in jedem Winkel deutlich spürbar. Breite Fußwege und riesige Gebäude säumten den Parnell Square, wo sich unser Bed& Breakfast befand. Kleine steinige Nebengasse und alte, bunte Häuserfronten waren übrig gebliebene Zeugen des ‚alten‘ Dublin. Enorme Menschenmassen füllten die Straßen, die Gehwege und die Geschäfte. Einige Besucher besetzten die Pubs bereits zur Mittagszeit und ließen sich von dem irischen Flair mitreißen. Versteckte Grünanlagen und Parks mitten in der stylischen Betonwüste ließen unsere Herzen höher schlagen. Dublin: ein Ort der Überraschung und des Zaubers.

 

DAS Irland-Gefühl

 

Jeder Irland-Fan wird mir wohl Recht geben, wenn ich sage, dass eine Reise nach Irland von einem ganz bestimmten, einzigartigen Gefühl begleitet wird, das auch von mir damals Besitz ergriffen hat. Freiheit. Man fühlt sich einfach frei. In der rauen, irischen Landschaft, meine ich natürlich. Kraftvoll, mächtig und unberechenbar. Die Willkür der Natur in seiner reinsten Form. Das erste Mal seit Wochen fühlte ich mich also tatsächlich frei. Meine Augen wanderten aufmerksam über den weißen Sandstrand, der sich zu meinen Füßen erstreckte und ich atmete tief die salzige Meeresluft ein, ehe ich mich zu meinem Bruder umdrehte, der die Umgebung und auch mich fleißig per Digitalkamera auf zahlreichen Bildern festhielt. „Es ist nicht mehr weit bis zum Dun Aengus.“ erklärte er mir fachmännisch und wies mit seinem kleinen Daumen in Richtung des bronzezeitlichen Forts. Wir hatten an diesem sonnigen Tag einen Ausflug auf die Aran Islands gewagt. Gemeinsam mit einer kleinen Reisegruppe waren wir früh aufgebrochen und hatten mit einer Fähre zu den vorgelagerten drei Inseln übergesetzt. Jetzt befanden wir uns auf Inishmore, wo wir auf zwei geliehenen Fahrrädern den Weg zum Steinfort bestritten. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hatte sich die Radtour als sehr erholsam herausgestellt und wir genossen die warme, irische Sonne, die sich seit Längerem schon nicht mehr gezeigt hatte. Dun Aengus erhielt vor etlichen Jahrhunderten seinen Namen vom irischen Gott Angus, dem Gott der Liebe und Jugend. Ich fühlte mich magisch angezogen von diesem Ort, vielleicht weil ich selber noch nicht DAS gefunden hatte, wonach ich mich am meisten sehnte.  

 

Lächelnd radelten wir die letzte Strecke nebeneinander her während die Landschaft steiniger wurde. Aus der Entfernung konnten wir bereits die Spitze des Forts majestätisch vor uns aufragen sehen. Am Fuße von Dun Aengus mussten wir die Räder abstellen und per pedes den Anstieg wagen. Scharen von Touristen pilgerten mit uns die, von der Natur geformten, Steintreppen hinauf. Wieder Andere traten bereits den Rückweg an, der sich, wie ich beim Beobachten der stolpernden, fluchenden Menschen feststellte, als anstrengender heraus kristallisierte als der Aufstieg. Schließlich erreichten wir das Fort nach etwa 15 Minuten Fußweg und staunten gemeinsam über die Schönheit der sich vor uns erhebenden Steinmauern. Kern der Anlage bildete ein Halbkreis von 45 Metern Durchmesser am Rand der Klippe, umgeben von der ersten und mächtigsten der vier Trockensteinmauern. Inmitten des Halbkreises erhob sich eine steinerne, rechteckige Plattform, wo sich andere Touristen zum Picknick niedergelassen hatten und die Aussicht über das Meer genossen. Mein Bruder eilte fasziniert umher und fotografierte, bat andere Touristen ihn zu fotografieren und konnte sich kaum sattsehen.

Ich wurde schwermütig als ich den Blick hinaus über den atlantischen Ozean schweifen ließ. Die Wellen schlugen kräftig gegen die atemberaubende Steilküste und der Wind flaute plötzlich auf. Das blonde Haar wehte mir in das gerötete Gesicht und verweigerte mir kurzzeitig die Sicht. Die zornige Kraft der Natur, dachte ich seltsam befangen, und fragte mich im nächsten Moment, ob es im Leben auch so eine gewaltige Macht gab, die alles Irdische aus den Angeln heben konnte. Hier, so hoch oben über dem Meeresspiegel, fühlte sich alles ganz leicht an.

 

Leben, lieben, hassen – alles nur Worte. Arbeit, Alltag, zu Hause – alles so weit weg. Frieden, Freiheit, Freude – alles so greifbar.

 

Lange Zeit stand ich so da, beobachtete die wogende See und die dicken Schaumkronen auf den Wellen, um dieses Gefühl von grenzenloser Freiheit nicht so schnell wieder zu verlieren.

 

John gab mir dann den Rest

 

„In Irland gibt es nur eine Jahreszeit und die nennt sich Regen“, wie uns John grinsend erklärte. John war einer von drei Brüdern, die auf einer Farm in den Burren arbeiteten. John hatte orangefarbene Haare und kristallklare, blaue Augen. John war nicht der einzige John. Auch seine drei Brüder hießen allesamt John. Wir standen weit oberhalb der Farm und bewunderten die steinige und hügelige Landschaft des Grundstücks der Familie O’Sullivan. John deutete urplötzlich auf einen kargen Baum mit zahlreichen flatternden Textilien an seinen Ästen. „Das ist ein Weißdornbaum, ein sogenannter Feenbaum. Die Bänder, die ihr dort sehen könnt, sind Wünsche. Viele Menschen glauben, dass dieser Baum ein Zugang zu einer anderen Welt ist. Wenn ihr auch daran glaubt, nehmt ein Stück Stoff, Haargummi, Armband oder so etwas Ähnliches, und bindet es an den Baum. Wünscht euch dabei etwas und hofft, dass ihr erhört werdet.“ Ungläubig starrte ich den gebürtigen Iren an und dürstete nach mehr Informationen bezüglich dieser Legende, aber er lächelte nur – wohlwissend, dass er mich damit geködert hatte. Ich fummelte mein Haargummi aus meinen stramm gebundenen Haaren und band es, mit einem starken Wunsch im Hinterkopf, um einen der höheren Äste.

Aufmerksame Augen können gar nicht alles wahrnehmen, was dieses wunderschöne Land zu bieten hat. Nicht mal unsere Digitalkamera konnte all die Eindrücke festhalten. Die meisten Erinnerungen haben sich tief in unsere Herzen gebrannt, wo wir sie für die Ewigkeit konservieren und zuweilen wieder hervorholen können.

Der sagenumwobene Feenbaum



Mögen Zeichen an der Straße deines Lebens sein,
die Dir sagen, wohin du auf dem Wege bist.
Mögest Du die Kraft haben,
die Richtung zu ändern,
wenn Du die alte Straße nicht mehr gehen kannst.

Irischer Segenswunsch

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